Teil 1

Die Hexe Alexa sitzt mit ihrer Katze Cleopatra vor ihrem kleinen Häuschen auf der Bank und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

„Faulenzen und so gar nichts tun müssen, ist doch eine tolle Sache. Überhaupt dann, wenn man es sich redlich verdient hat,“ denkt Alexa bei sich. Und verdient hat sie sich das süße Nichtstun heuer allemal. Das Schuljahr war nämlich ziemlich anstrengend gewesen mit all den neuen Zaubersprüchen und Zauberrezepten, die es zu lernen gab! Fräulein Merlinda hat sie ganz schön gefordert und auf Trab gehalten. Aber egal, jetzt ist es geschafft und einem schönen, ruhigen Sommer kann nun nichts mehr im Wege stehen. Es zahlt sich eben doch aus, wenn man während der Unterrichtsstunde seine Ohren spitzt, den Besen vor der Tür parkt, Streiche Streiche sein lässt und den Geschichten von Fräulein Merlinda aufmerksam folgt.

„Stell dir vor, Cleopatra“, ruft sie begeistert aus, „im Herbst bin ich dann keine kleine ABC-Hexe mehr, sondern schon eine kleine Buch-Hexe! Dann darf ich auch in den Zauberturm, ganz allein im großen Hexenbuch lesen und neue Zaubersprüche ausprobieren! Ist das nicht toll?“

Cleopatra, eine wuschelige, schwarze Katze mit spitzen, kleinen Ohren und dem buschigsten schwarzen Schwanz, den die Welt je gesehen hat, hat die ganze Zeit zusammengerollt auf Alexas Schoß gelegen. Jetzt hebt sie ganz leicht ihren Kopf, öffnet ihre Augen einen Spalt breit, streckt ihre Pfoten, gähnt herzhaft und bevor sie auch nur ansatzweise etwas sagen kann, fährt Alexa aufgeregt fort.

„Und weißt du was? Ich darf – nein, ich muss dich dann im Herbst mit in die Schule nehmen, weil jede Buch-Hexe einen Adjutanten, einen Gehilfen sozusagen, braucht, um die neuen Aufgaben lösen zu können. Ist das nicht irre? Du und ich gemeinsam im großen Zauberturm!“

 

Teil 2

Schon von weitem können die beiden das Schloss sehen, und als Brummbo sie wohlbehalten im königlichen Schlossgarten absetzt, ist Alexa überwältigt. So etwas Prächtiges hat sie noch nie zuvor gesehen.

„Sieh doch nur, Cleopatra“, flüstert sie ehrfürchtig, „da sind ja auch die Wachen mit ihren Bärenmützen auf dem Kopf. Wie steif die da auf- und abmarschieren, als hätten sie keine Kniegelenke in ihren Beinen. Schaut irgendwie lustig aus. Der eine, der vor dem kleinen Häuschen steht, gefällt mir am besten. Er schaut ein bisschen wie unser Postbote, Herr Brieflich, aus. Findest du nicht auch? Ach schade, jetzt geht er in den Hof hinein. Könnten wir uns nicht auch ein wenig näher an das Schloss herantasten? Was meinst du? Ich würde zu gerne wissen, wie es drinnen aussieht. Wie könnten wir es nur anstellen, um unbemerkt ins Schloss zu gelangen? An den Wachen vorbei zu kommen, wird nicht einfach werden, denen entgeht so schnell nichts. Hast du nicht eine Idee, Cleopatra?“

Im selben Augenblick fliegt ein kleiner Vogel an ihnen vorbei, geradewegs auf ein winziges, offenes Fenster direkt unter dem Giebel zu.

„Das ist es! Wir machen es dem Vogel nach. Komm auf meinen Schoß, Brummbo wird uns fliegen!“

Teil 3

Vorsichtig huschen beide durch den königlichen Park, am Palast und an den guards vorbei, über den Heckenzaun auf die Straße hinaus.

„Die Tower Bridge können wir wohl von unserer Liste streichen“, sagt Alexa und zieht dabei ihre Stirn in Falten. „Ich glaube kaum, dass Brummbo dorthin zurück ist. Vielleicht ist er in eines der Museen geflogen. Du hast doch etwas von einem Museum erzählt, in dem echte Dinosaurierskelette und Mumien, diese in Tücher eingewickelten toten Ägypter, ausgestellt sind. Unser Brummbo hat doch eine Schwäche für alte Knochen und je größer ein Tier ist, umso besser gefällt es ihm. Weißt du noch, damals im Zoo? Er konnte gar nicht genug von den Elefanten mit den wuchtigen Stoßzähnen und den Giraffen mit ihren langen Hälsen kriegen. Vielleicht ist er dort, was meinst du? Einen Versuch wäre es wert. Nur, wie kommen wir dorthin? Zu Fuß? Ist das Museum weit weg von hier, was meinst du? Wie hast du gesagt, heißt es?“

„Ich habe gar nichts gesagt, es wäre auch schwierig gewesen, deinen Redefluss zu unterbrechen. Aber ich bin froh, dass du wieder ganz die Alte bist. Fragen über Fragen. Kannst du dich überhaupt noch an deine erste Frage erinnern?“